top of page
Was tun, wenn alles ins Wanken gerät?

Was tun, wenn alles ins Wanken gerät?

15. Sept.
3 Min. Lesezeit

Als Menschen gehen wir im Leben immer mal wieder durch herausfordernde Zeiten, manchmal auch durch eine Krise. Individuell und auch als Gesellschaft. Es gibt Zeiten, in denen sich vieles unsicher anfühlt – in denen wir den Eindruck haben, dass um uns herum etwas ins Wanken gerät oder sogar auseinanderzufallen scheint.

Und auch wenn wir nicht unmittelbar selbst betroffen sind, bekommen wir vieles mit. Nachrichten, Bilder, Gespräche, die Stimmung anderer Menschen. Wir sind soziale Wesen und leben nicht losgelöst voneinander. Was um uns herum passiert, kann auch in uns etwas auslösen.

Gerade in solchen Zeiten begegnet uns häufig die Idee, wir müssten lernen, uns besser zu regulieren. Ruhiger werden. Bei uns bleiben. Grenzen setzen. Reize reduzieren. Unser Nervensystem wieder ins Gleichgewicht bringen. Vieles davon kann hilfreich sein. Und vielleicht lohnt sich vorher eine andere Frage: Ist das gerade wirklich etwas, das ich persönlich verändern kann – oder reagiere ich auf etwas, das strukturell bedingt schwierig ist?


Denn es macht einen Unterschied, ob ich mich zum Beispiel ständig überfordere, weil ich meine eigenen Grenzen nicht wahrnehme, oder ob ich in einer Situation lebe, die strukturell bedingt belastend ist. Ob ich gerade zu wenig Pausen mache – oder ob ich mit einem Verlust, finanzieller Unsicherheit oder einer gesellschaftlichen Krise konfrontiert bin. Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Ein systemischer Blick bedeutet für mich deshalb nicht, die Verantwortung für das eigene Erleben abzugeben. Er bedeutet, den Kontext mitzudenken. Nicht alles, was sich in mir schwer anfühlt, ist ein persönliches Problem, das ich lösen muss. Und nicht alles, was von außen kommt, nimmt mir meinen Handlungsspielraum.


Ein ganz alltägliches Beispiel: Jemand schreit mich an. Mein Körper reagiert vielleicht mit Angst. Vielleicht mit Wut. Vielleicht erschrecke ich, werde ganz still oder möchte sofort Abstand gewinnen. Das muss ich nicht zuerst als „Dysregulation“ betrachten. Vielleicht ist meine Reaktion in diesem Moment schlicht eine angemessene Antwort auf eine unangenehme oder bedrohliche Situation. Die Frage ist dann nicht unbedingt: „Wie bekomme ich mich jetzt schnell wieder reguliert?“, sondern vielleicht eher: „Was passiert gerade in mir – und was brauche ich jetzt?“


Vielleicht brauche ich Abstand. Vielleicht Unterstützung. Vielleicht muss ich die Situation verlassen. Vielleicht möchte ich später eine Grenze benennen. Vielleicht brauche ich zunächst einen Moment, um wieder Orientierung zu finden. Meine Reaktion darf da sein. Und gleichzeitig kann ich schauen, was ich als Nächstes tun möchte und was überhaupt in meinem Einflussbereich liegt.


Ich denke, genau diese Unterscheidung kann entlastend sein. Denn wenn wir jede Belastung individualisieren, entsteht schnell ein enormer Leistungsanspruch: Ich müsste nur genug meditieren, genug reflektieren, genug Grenzen setzen, genug reguliert sein – dann würde ich schon mit allem klarkommen.


Doch manchmal ist etwas einfach problematisch im Außen. Und es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Reaktion darauf wegzumachen.

Vielleicht geht es vielmehr darum, mitfühlend wahrzunehmen, was gerade passiert, den Kontext ernst zu nehmen und gleichzeitig den eigenen Handlungsspielraum zu suchen.




Und was können wir tun?


Gerade wenn vieles im Außen unsicher ist, lohnt sich vielleicht noch ein zweiter Blick: auf das, was zwischen uns möglich ist.

Co-Regulation klingt zunächst nach einem Fachbegriff. Eigentlich beschreibt sie etwas sehr Menschliches: Wir können einander Halt, Orientierung und Verbundenheit geben.


Manchmal passiert das in einem tiefen Gespräch, beim gemeinsamen Essen, einem Spaziergang oder einer Umarmung. Und manchmal ganz unspektakulär im Alltag: durch einen kurzen Blickkontakt an der Kasse, ein freundliches „Hallo“, ein gemeinsames Lachen oder die Erfahrung, dass da gerade noch jemand ist.

Das bedeutet nicht, dass wir jede Gelegenheit zum Kontakt nutzen müssen. Manchmal ist die Selbstbedienungskasse genau das Richtige. Manchmal brauchen wir Abstand und Ruhe. Es geht nicht darum, was grundsätzlich besser ist. Viel mehr darum, die Möglichkeiten wahrzunehmen.


Wo tut mir Gemeinschaft gut? Wo brauche ich Abstand? Wo kann ich selbst ein kleines Stück Halt geben – und wo darf ich welchen annehmen?


Vielleicht brauchen wir gerade deshalb nicht nur Inseln, auf denen wir uns alleine zurückziehen können. Vielleicht brauchen wir auch Inseln des Zusammenhalts.

Kleine Orte und Momente von Ruhe, Verbindung, Humor, Wärme und gegenseitiger Unterstützung. Wir können die Krisen dieser Welt nicht alleine lösen. Aber wir können beeinflussen, wie wir miteinander durch diese Zeiten gehen.

Vielleicht beginnt das damit, immer wieder zu unterscheiden: Was liegt bei mir? Was gehört zu den Umständen? Was kann ich verändern – und wo brauche ich Unterstützung?


Nicht alles alleine tragen. Nicht alles wegregulieren. Und trotzdem den eigenen Handlungsspielraum behalten.

Vielleicht können wir so Inseln bauen. Für uns. Miteinander. Und füreinander.

Kommentare


bottom of page