Mit einer Großmutter am Meer – ein Gespräch über das, was Beziehungen wirklich trägt
Letzte Woche saß ich mit einer Großmutter am Meer.
Sie erzählte mir von einer Entscheidung, die sie all ihren Mut gekostet hatte.
Es ging darum, sich der Perspektive eines geliebten Menschen zuzuwenden. Einer Perspektive, in der Schmerz vorkam. Einer Erfahrung, die sich anders anfühlte als ihre eigene Erinnerung.
Während sie sprach, dachte ich immer wieder:
Wie viel Mut das braucht.
Denn kaum etwas ist schmerzhafter, als zu erkennen:
Ich habe geliebt.
Ich wollte das Beste.
Und trotzdem ist Verletzung entstanden.
Ich glaube, genau solche Momente gibt es in vielen Beziehungen. Nicht nur zwischen Eltern und Kindern.
Sondern genauso in Partner:Innenschaften, Freund:Innenschaften oder anderen engen Verbindungen, wie der zu uns Selbst.
Wir erleben dieselbe Situation oft unterschiedlich. Jeder Mensch nimmt die Welt durch die eigene Geschichte, das eigene Nervensystem und die eigenen Erfahrungen wahr.
Und plötzlich stehen zwei Wirklichkeiten nebeneinander.
Nicht selten beginnt genau hier der schwierigste Teil. Denn wenn ein Mensch, den wir lieben, uns von seinem Schmerz erzählt, geht es oft nicht nur um diesen Schmerz.
Fast gleichzeitig gerät auch unser eigenes Selbstbild ins Wanken.
Vielleicht tauchen Gedanken auf wie:
“Aber ich wollte das doch nie.”
“Ich habe doch alles gegeben.”
“Ich habe es doch gut gemeint.”
Aus Sicht unseres Nervensystems ergibt das Sinn. Wenn etwas unser Selbstbild oder eine wichtige Beziehung erschüttert, reagiert unser Organismus häufig zunächst nicht mit Offenheit, sondern mit Schutz.
Manche Menschen beginnen zu erklären.
Andere rechtfertigen sich.
Manche greifen an.
Andere ziehen sich zurück.
Wieder andere frieren innerlich ein oder fühlen sich plötzlich wie abgeschnitten von sich selbst bzw. gehen über ins people pleasen.
Aus traumainformierter Sicht sind das zunächst keine Charaktereigenschaften (auch wenn diese Reaktionsmuster oft eng mit unserer Identität verwoben sind).
Sondern Schutzreaktionen. Unser Nervensystem versucht, Sicherheit wiederherzustellen.
Nicht, weil unser Gegenüber unser Feind wäre.
Sondern weil sich der Moment innerlich wie eine Bedrohung anfühlen kann.
Vielleicht zeigt sich genau hier nicht nur, ob Beziehung Bestand haben kann.
Sondern auch, wie viel Nähe zwischen zwei Menschen überhaupt möglich wird.
Eine wohltuende Beziehung erkennt man nicht nur daran, dass nie Verletzungen entstehen.
Sondern auch daran, was danach geschieht.
Ob wir irgendwann wieder genug Sicherheit finden, um neugierig werden zu können.
Ob wir bereit sind, der Erfahrung des anderen zuzuhören, ohne unsere eigene sofort verteidigen zu müssen. Oder, ob wir ggf. auch bereit dazu sind, uns dementsprechend Unterstützung zu suchen.
Die Perspektive eines anderen anzuerkennen bedeutet nicht, die eigene aufzugeben.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ich kann geliebt haben.
Und trotzdem kann die andere Schmerz erlebt haben.
Vielleicht hat mich dieses Gespräch auch deshalb so berührt.
Weil es mich an etwas erinnert hat, das wir heute aus der Trauma- und Bindungsforschung zunehmend besser verstehen.
Nicht nur belastende Erfahrungen selbst beeinflussen unser Nervensystem.
Ebenso bedeutsam ist häufig, was danach geschieht.
Ob Erfahrungen allein getragen werden müssen. Oder ob sie irgendwann einen sicheren Raum finden, in dem sie gesehen, ernst genommen und gemeinsam eingeordnet werden können. Eine spätere Begegnung verändert die Vergangenheit nicht. Sie macht Verletzungen nicht ungeschehen. Aber sie kann eine neue Erfahrung ermöglichen. Die Erfahrung, mit der eigenen Wirklichkeit nicht länger allein zu sein.
Für das Nervensystem kann genau das bedeutsam sein. Nicht weil dadurch alles gut wird. Sondern weil etwas möglich wird, das damals vielleicht gefehlt hat:
Sicherheit.
Resonanz.
Mitgefühl.
Nicht jeder Mensch wird diese Erfahrung mit den Menschen machen können, durch die Verletzungen entstanden sind. Und das ist schmerzhaft. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass Entwicklung dort endet.
Denn dieselbe Haltung, die Beziehung im Außen tragen kann, kann auch nach innen entstehen.
In der körperorientierten Anteilearbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die ganz unterschiedliche innere Anteile in sich tragen.
Ein Teil funktioniert.
Ein anderer kämpft.
Ein weiterer zieht sich zurück.
Einer ist traurig.
Ein anderer wütend.
Vielleicht gibt es auch einen Anteil, der bis heute glaubt, alles allein schaffen zu müssen.
Oft versuchen wir unbewusst, einzelne dieser Anteile loszuwerden. Doch Integration beginnt meist nicht dort, wo ein Anteil verschwindet. Sondern dort, wo wir beginnen, ihnen mit derselben Haltung zu begegnen, die auch Beziehungen im Außen tragen kann.
Neugierig.
Mitfühlend.
Ohne sofort entscheiden zu müssen, welcher Anteil Recht hat. Auch in uns dürfen mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig existieren.
Natürlich geschieht das selten allein.
Gerade nach belastenden Erfahrungen brauchen wir häufig sichere Beziehungen, Co-Regulation und einen Rahmen, in dem unser Nervensystem langsam lernen kann, dass heute etwas anderes möglich ist als damals.
Wir können die Vergangenheit nicht verändern. Aber wir können verändern, wie wir ihr heute begegnen.
Im Außen. Und im Innen.
Vielleicht bedeutet Beziehung deshalb gar nicht, alles richtig zu machen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, immer wieder die Bereitschaft zu entwickeln, zuzuhören, sich berühren zu lassen, und mehreren Wirklichkeiten gleichzeitig Raum zu geben.
Gleichzeitig glaube ich, dass genau hier auch eine wichtige Grenze liegt.
Beziehungen können langfristig nur dann Bestand haben, wenn alle Beteiligten diese Bereitschaft mitbringen. Die Bereitschaft,
die eigene Perspektive nicht über die des anderen zu stellen. Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen.
Und sich immer wieder berühren zu lassen – auch dort, wo es unbequem wird. Wo diese Bereitschaft dauerhaft nur von einer Seite kommt, entsteht oft keine Verbindung, sondern Überforderung. Vielleicht gehört deshalb auch Selbstmitgefühl dazu. Nicht nur wahrzunehmen, wo Beziehung möglich wird.
Sondern auch zu erkennen, wo wir sie allein nicht herstellen können.
Ich glaube, genau dort beginnt etwas, das wir ein Leben lang gestalten können:
Die Beziehung zu uns selbst.



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