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Wenn wir uns nach Verbindung sehnen & trotzdem allein bleiben

Wenn wir uns nach Verbindung sehnen & trotzdem allein bleiben

vor 2 Stunden
5 Min. Lesezeit

Manchmal ist Einsamkeit ganz offensichtlich. Wir verbringen viel Zeit allein, vermissen Menschen und wünschen uns jemanden, mit dem wir reden können.


Und manchmal ist sie schwerer zu erkennen.

Wir treffen Freund:innen, führen Gespräche und sind in Kontakt. Trotzdem gibt es Dinge, mit denen wir uns allein fühlen. Gedanken, die wir für uns behalten. Gefühle, für die uns die Worte fehlen. Bedürfnisse, die wir nicht so leicht ausdrücken können.


Vielleicht gibt es Menschen, an die wir uns wenden könnten. Und trotzdem fällt es uns schwer, den ersten Schritt zu machen. Wir ziehen uns zurück, obwohl wir uns nach Nähe sehnen, oder sagen, dass alles in Ordnung ist, obwohl uns etwas beschäftigt.


Manchmal füllen wir stille Momente mit Bildschirmzeit, Serien, Podcasts oder anderen Formen der Dauerberieselung. Das kann angenehm sein, ablenken oder uns helfen, den Tag ausklingen zu lassen. Und manchmal bleibt dabei ein diffuses Gefühl zurück: Wir sind beschäftigt, funktionieren – und fühlen uns trotzdem nicht wirklich verbunden. Vielleicht ist noch gar nicht klar, was uns eigentlich fehlt.


Wie kann es sein, dass wir uns nach Verbindung sehnen und Nähe gleichzeitig schwierig sein kann?



Wenn wir vieles mit uns selbst ausmachen


Vielleicht bist du es gewohnt, Schwierigkeiten zunächst allein zu bewältigen. Du denkst lange nach, suchst nach Lösungen und erzählst anderen erst davon, wenn du das Erlebte für dich sortiert hast. Vielleicht möchtest du niemanden belasten. Oder es fällt dir leichter, für andere da zu sein, als selbst Unterstützung anzunehmen.


Darin kann viel Eigenständigkeit liegen. Es kann uns helfen, Dinge zu bewältigen und selbst zu entscheiden, was wir mit anderen teilen möchten.


Gleichzeitig kann es einsam werden, wenn wir mit dem, was uns wirklich bewegt, immer wieder allein bleiben – auch dann, wenn Menschen in unserem Leben sind.


Vielleicht haben wir wenig Erfahrung damit, mit etwas Unfertigem oder Unsortiertem zu jemandem zu gehen. Vielleicht wissen wir selbst noch nicht, was wir brauchen, oder möchten erst einmal verstehen, was in uns vorgeht.


Das ist kein persönliches Versagen. Sich jemandem anzuvertrauen, ist nicht für alle selbstverständlich. Vertrauen braucht Zeit, und nicht jedes Gegenüber fühlt sich dafür passend an.


Vielleicht ist deshalb eine andere Frage hilfreicher als die, warum wir uns nicht einfach öffnen:


Was würde es uns erleichtern, mit dem, was uns beschäftigt, nicht allein bleiben zu müssen?



Wenn wir uns Nähe wünschen und zugleich Abstand brauchen


In der somatischen Anteilearbeit betrachten wir solche Situationen auch als Zusammenspiel unterschiedlicher innerer Seiten. Sie können verschiedene Bedürfnisse, Gefühle und Reaktionsweisen mitbringen.


Vielleicht gibt es eine Seite, die sich nach Nähe sehnt. Sie möchte verstanden werden, etwas teilen oder erleben, dass jemand da ist.

Gleichzeitig kann eine andere Seite vorsichtig werden, sobald es persönlicher wird. Wir wechseln das Thema, machen einen Scherz oder sagen, dass alles gut sei. Vielleicht fühlt es sich sicherer an, die Dinge selbst zu regeln.

Solche Reaktionen können unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise möchten wir uns vor Enttäuschung, Beschämung oder dem Gefühl schützen, zu viel von uns preiszugeben. Manchmal brauchen wir aber auch schlicht Zeit, Ruhe oder Abstand. Was hinter einer Reaktion steckt, lässt sich nicht pauschal sagen.


Wichtig ist: Der Wunsch nach Nähe und das Bedürfnis nach Abstand müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.


Beides darf da sein. Wir müssen uns nicht dafür verurteilen, dass wir Kontakt vermissen und ihn gleichzeitig nicht ohne Weiteres zulassen können.


Es kann hilfreich sein, beide Seiten ernst zu nehmen, statt eine davon verändern zu wollen. Denn wenn wir verstehen, was uns Nähe erleichtert oder erschwert, können wir allmählich mehr Möglichkeiten entdecken, mit diesen Situationen umzugehen.



Was unser Körper wahrnehmen lässt


Solche Spannungen zeigen sich manchmal auch körperlich.


Vielleicht freust du dich auf ein Treffen und möchtest kurz vorher am liebsten absagen. Du willst etwas Persönliches erzählen, spürst aber plötzlich Enge im Brustkorb, wirst unruhig oder verlierst den Faden. Vielleicht bemerkst du den Impuls, das Thema zu wechseln oder dich innerlich zurückzuziehen.

Andere erleben eher Leere, Müdigkeit oder das Gefühl, keinen richtigen Zugang zu den eigenen Empfindungen zu haben.


Solche Reaktionen sind nicht eindeutig. Sie verraten uns nicht automatisch, was dahintersteckt. Aber sie können Hinweise darauf geben, wie wir eine Situation erleben.

In der somatischen Arbeit beziehen wir den Körper deshalb in die gemeinsame Erkundung ein. Wir achten darauf, was sich in bestimmten Momenten bemerkbar macht, ohne jede Empfindung sofort erklären oder verändern zu müssen.


Vielleicht wird dabei spürbar, dass ein Teil von uns Kontakt sucht, während ein anderer erst einmal vorsichtig bleiben möchte. Es geht nicht darum, diese Reaktionen richtig zu deuten. Es geht darum, ihnen mit Interesse zu begegnen und herauszufinden, was wir in diesem Moment brauchen.



Auch mit uns selbst in Beziehung gehen


Manchmal fällt es uns schwer, anderen zu zeigen, was in uns vorgeht, weil wir selbst noch wenig Zugang dazu haben. Wir wissen vielleicht, dass uns etwas fehlt, können es aber nicht benennen. Oder wir merken erst spät, wie erschöpft, traurig oder bedürftig wir eigentlich sind.


In uns können Seiten wirken, die viel organisieren, erklären oder dafür sorgen, dass wir den Alltag bewältigen. Andere Bedürfnisse geraten dabei möglicherweise in den Hintergrund.


Auch das muss nicht sofort anders werden. Es kann gute Gründe dafür geben, dass wir gelernt haben, weiterzumachen, uns zusammenzunehmen oder bestimmte Gefühle beiseitezuschieben.

Wir können jedoch beginnen, auch diesen Seiten Aufmerksamkeit zu schenken, die sonst wenig Raum bekommen. Was beschäftigt mich gerade? Wonach sehne ich mich? Was fällt mir schwer auszusprechen – und was brauche ich, um mich damit nicht allein zu fühlen?


Manchmal finden wir darauf zunächst keine Antwort. Auch das gehört dazu. Mit uns selbst in Beziehung zu gehen bedeutet nicht, jederzeit genau wissen zu müssen, was in uns vorgeht. Es kann schon damit beginnen, wahrzunehmen, dass etwas da ist, ohne es gleich bewerten oder lösen zu müssen.

Und manchmal braucht es dafür einen anderen Menschen, der uns begleitet und mit uns gemeinsam erkundet, was bisher schwer greifbar war.



Verbindung muss nicht auf einmal entstehen


Wenn wir uns einsam fühlen, liegt der Gedanke nahe, etwas dagegen tun zu müssen: uns häufiger melden, offener werden oder endlich um Hilfe bitten.

Solche Schritte können hilfreich sein. Sie müssen aber nicht der erste Schritt sein.

Vielleicht beginnt Verbindung damit, einer vertrauten Person zu sagen, dass uns etwas beschäftigt, auch wenn wir es noch nicht vollständig erklären können. Vielleicht bedeutet sie, ein Treffen abzusagen, wenn wir Ruhe brauchen, und trotzdem den Kontakt nicht ganz abreißen zu lassen. Oder wir nehmen erst einmal wahr, dass wir uns nach Nähe sehnen, ohne daraus sofort eine Aufgabe zu machen.


Die somatische Anteilearbeit bietet einen Raum, in dem wir solche Erfahrungen gemeinsam erkunden können – über Gedanken und Gefühle ebenso wie über das, was wir körperlich wahrnehmen. Nicht mit dem Ziel, bestimmte Seiten loszuwerden, sondern um ihre Anliegen besser zu verstehen und einen stimmigeren Umgang mit ihnen zu finden.


Vielleicht müssen wir also weder weniger Nähe brauchen noch unsere Vorsicht überwinden. Wir können lernen, die unterschiedlichen Seiten in uns kennenzulernen und mit ihnen in Beziehung zu gehen – auch mit denen, die sich nach Verbindung sehnen, und denen, die Abstand brauchen.


Verbindung beginnt nicht erst zwischen Menschen. Sie kann auch dort entstehen, wo wir uns selbst zuwenden und dem, was in uns vorgeht, mit Interesse statt mit Ablehnung begegnen.


Das macht Einsamkeit nicht einfach ungeschehen. Aber es kann neue Möglichkeiten eröffnen: uns selbst besser wahrzunehmen, Unterstützung uu suchen, anzunehmen und mit anderen auf eine Weise in Kontakt zu kommen, die sich für uns stimmig anfühlt.

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