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Wenn Regulation nicht reicht: Warum Veränderung mit Beziehung beginnt

Vielleicht kennst du diesen Gedanken:

„Wenn ich nur mein Nervensystem regulieren kann, wird endlich alles leichter.“

Und ehrlich gesagt: Diese Hoffnung ist sehr nachvollziehbar.


Wenn wir erschöpft sind, ständig angespannt sind oder unser Körper scheinbar nicht zur Ruhe kommt, wünschen wir uns etwas, das hilft. Etwas, das die innere Unruhe reduziert, die Anspannung löst und endlich wieder mehr Leichtigkeit bringt.


Atemübungen, Bewegung, Körperübungen oder andere Regulationsmöglichkeiten können dabei sehr wertvoll sein.


Und gleichzeitig gibt es einen Punkt, den ich in meiner Arbeit immer wieder wichtig finde:

Manchmal sind wir einen Schritt zu schnell.


Denn anstelle der Frage:

„Wie bekomme ich dieses Gefühl weg?“


lohnt sich manchmal eine andere:

„Was versucht dieser Teil eigentlich für mich zu tun?“



Wenn Schutzstrategien nicht einfach verschwinden


Viele Reaktionen, die wir heute als belastend erleben, sind nicht zufällig entstanden.

Vielleicht gibt es einen Anteil in dir, der gelernt hat, besonders aufmerksam zu sein.

Einen Anteil, der kontrolliert.

Einen Anteil, der sich zurückzieht.

Einen Anteil, der immer versucht, alles richtig zu machen.

Diese Strategien entstehen meistens nicht, weil etwas in uns falsch ist.

Sie entstehen, weil sie irgendwann einmal hilfreich oder sogar notwendig waren.

Wenn wir heute versuchen, diese Strategien einfach zu verändern oder „wegzuregulieren“, kann es passieren, dass ein Teil von uns nicht erleichtert reagiert, sondern zunächst unsicher oder alarmiert wird.


Vielleicht ist da die innere Erfahrung:

„Wenn ich das nicht mehr mache – wer passt dann auf?“



Aus einer trauma-sensiblen systemischen Perspektive geht es deshalb nicht nur darum, eine Reaktion zu verändern.

Es geht darum, eine Beziehung zu dem Anteil aufzubauen, der diese Reaktion entwickelt hat.



Wenn ein Schutzanteil stärker in Alarm geht


Manchmal passiert Folgendes:

Wir versuchen, eine alte Schutzstrategie zu verändern.

Vielleicht mit einer Übung, einer Technik oder dem Wunsch, endlich entspannter zu sein.

Und plötzlich wird es nicht leichter, sondern schwieriger.


Ein Anteil, der bisher für Sicherheit sorgen wollte, erlebt die Veränderung möglicherweise nicht als Entlastung, sondern als Gefahr.


Nicht, weil er gegen uns arbeitet.

Sondern weil er seine Aufgabe sehr ernst nimmt.


Dann braucht es oft nicht noch mehr Druck oder die nächste Technik.


Sondern erst einmal Interesse:

Wovor möchtest du mich eigentlich bewahren?


Was glaubst du, würde passieren, wenn du diese Aufgabe nicht mehr übernehmen würdest?


Und was würdest du brauchen, um ein kleines bisschen weniger allein dafür verantwortlich zu sein?




Wenn eine Schutzstrategie weniger wird und etwas darunter sichtbar wird


Es gibt aber noch eine andere Erfahrung.

Manchmal wird nicht ein Anteil stärker.

Manchmal lässt eine Schutzstrategie kurzfristig nach.


Vielleicht kennst du es aus dem Körper:

Du kommst aus einer Massage und hast erst das Gefühl:

„Endlich ist die Spannung weg.“

Und ein paar Tage später merkst du plötzlich andere Verspannungen oder fühlst dich empfindlicher als vorher.


Manchmal wird nicht einfach etwas „schlechter“.


Manchmal wird etwas sichtbar, das vorher gehalten oder überdeckt wurde.


Auch bei inneren Prozessen kann etwas Ähnliches passieren.

Wenn eine lang genutzte Schutzstrategie sehr schnell weniger wird oder eine Veränderung zu schnell passiert, können Gefühle auftauchen, für die im Moment noch nicht genügend innere Sicherheit oder Ressourcen vorhanden sind.


Dann können Traurigkeit, Angst oder Hilflosigkeit sehr überwältigend werden.


Weil etwas, das lange geschützt hat, gerade weniger verfügbar ist.


Deshalb ist es so wichtig, kleinschrittig vorzugehen und Veränderungen an den eigenen Kapazitäten auszurichten.


Die inneren Anteile können wir dabei einbeziehen, indem wir uns fragen:

Was hat dieser Schutz bisher für mich getragen?


Und was braucht er, um sich tatsächlich entlastet und nicht nur ausgehebelt zu fühlen?



Sicherheit entsteht nicht nur durch Verstehen


Eine wichtige Erkenntnis in der Arbeit mit inneren Anteilen ist:

Worte und Gedanken alleine reichen oft nicht aus.


Wir können einem Anteil sagen:

„Du bist jetzt sicher.“


Aber wenn dieser Anteil über viele Jahre andere Erfahrungen gemacht hat, braucht es häufig mehr als eine Erklärung.



Es braucht neue Erfahrungen.

Erfahrungen wie:

Ich werde gesehen.

Ich muss nicht alles alleine halten.

Jemand bleibt da, auch wenn es schwierig wird.


Und manchmal brauchen wir genau darin Begleitung.


Nicht, weil wir grundsätzlich nicht alleine mit uns arbeiten können.

Sondern weil bestimmte Erfahrungen in Beziehung entstehen.

Unser Nervensystem orientiert sich an anderen Menschen. Durch sichere Beziehungen können wir neue Referenzerfahrungen machen: dass jemand bleibt, dass wir mit unserem Erleben willkommen sind und dass wir schwierige Momente nicht alleine tragen müssen.

Gerade für schützende Anteile zählt eine solche Erfahrung oft mehr als der Versuch, sie mit Argumenten zu überzeugen.



Kleine Gesten im Alltag


Diese Beziehung zu unseren Anteilen entsteht nicht nur in großen Momenten.

Oft entsteht sie durch kleine Gesten im Alltag.


Durch einen Moment, in dem du bemerkst:

„Da ist gerade wieder dieser Druck, alles kontrollieren zu müssen.“


Und statt dich dafür zu kritisieren, vielleicht innerlich fragst:

„Was ist gerade los?“

Oder:

„Was brauchst du von mir?“


(Das geht natürlich auch mit dem Anteil der inneren Kritikerin ;)


Auch innere Dialoge, Bilder oder körperliche Gesten können dabei sehr wertvoll sein.

Eine Hand auf dem Herzen.

Eine bewusste Bewegung.


Ein Moment, in dem du innehältst und wahrnimmst:

„Ich merke, dass du gerade versuchst, mich zu schützen.“


Es geht nicht darum, unangenehme Gefühle schönzureden oder jeden Anteil sofort zu beruhigen.

Es geht darum, eine andere Beziehung aufzubauen.


Eine Beziehung, in der auch die Anteile, deren Strategien uns heute manchmal im Weg stehen, erleben dürfen:

Ich werde gesehen.

Ich werde nicht bekämpft.

Ich muss das nicht mehr ganz alleine tragen.


Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht immer mit der Frage:

„Welche Technik hilft mir, das wegzubekommen?“


Sondern manchmal mit:

„Wie kann ich in Beziehung mit dem kommen, was gerade da ist?“

 
 
 

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