Warum sich Ruhe manchmal nicht richtig anfühlt, obwohl du völlig erschöpft bist - & was der Kaffee am Morgen damit zu tun hat
- mjedowski
- 10. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
„Eigentlich müsste ich mich doch entspannen können.“
Alle im Yogakurs sitzen im Lotussitz. Stille liegt im Raum. Und gleichzeitig passiert in deinem Körper etwas ganz anderes.
Sobald es still wird, entsteht Unruhe.
In den Armen. In den Beinen.
Der Kopf sucht etwas zu tun.
Der Kiefer spannt an.
Der Körper bleibt wachsam.
Die Woche war voll. Du bist erschöpft. Und trotzdem fühlt sich echte Ruhe kaum möglich an.
Nicht selten entsteht dann das Gefühl, mit einem selbst stimme etwas nicht.
Warum fällt Ruhe so schwer, obwohl man sich doch eigentlich danach sehnt?
Aus nervensystemischer Sicht ergibt das oft sehr viel Sinn.
Denn unser Nervensystem orientiert sich nicht automatisch zuerst an Sicherheit — sondern häufig an Vertrautheit.
Wenn ein Mensch über lange Zeit in Anspannung, Verantwortung, Unsicherheit oder emotionalem Stress gelebt hat, wird genau dieser Zustand irgendwann zum bekannten inneren Terrain.
Der Körper lernt oft so etwas wie:
wachsam bleiben = orientiert bleiben
funktionieren = stabil bleiben
anspannung = vorbereitet sein
Das bedeutet nicht, dass Stress sich gut anfühlt.
Aber er kann sich vertraut anfühlen.
Und Vertrautheit vermittelt dem Nervensystem oft zunächst mehr Orientierung als etwas völlig Neues.
Dann wirkt die nächste To-do-Liste, die nächste volle Woche oder das nächste „Für-alle-da-sein“ kurzfristig fast erleichternd — obwohl es eigentlich zu viel ist. Der darin liegende Stress ist so vertraut geworden, dass das System dort für einen Moment Orientierung findet.
Gleichzeitig kostet genau das enorm viel Kraft.
Wenn Hochanspannung lange das „Normal“ war, fühlt sich Ruhe deshalb oft nicht sofort entspannend an, sondern ungewohnt, leer oder manchmal sogar leicht bedrohlich. Gerade dann, wenn ein System sehr lange im Funktionsmodus war.
Viele Schutzmuster entstehen ursprünglich nicht zufällig. Ständiges Mitdenken, Organisieren, Funktionieren oder Wachsamsein können sinnvolle Anpassungen an belastende Lebensrealitäten gewesen sein. Das Nervensystem versucht dabei nicht, „schwierig“ zu sein.
Es versucht vor allem, Orientierung und Vorhersagbarkeit herzustellen.
Und genau deshalb reicht es oft nicht aus, einfach nur „mehr zu entspannen“ oder immer neue Regulationstechniken anzuwenden.
Denn manchmal erfüllt genau das nur ein weiteres Mal die alte Funktionsstrategie:
weitermachen.
funktionieren.
sich selbst übergehen.
Oft reproduzieren Menschen deshalb unbewusst immer wieder Zustände von Aktivierung, Druck oder Überforderung — nicht weil sie das bewusst wollen, sondern weil das System dort Orientierung gelernt hat. Deshalb geht es häufig weniger darum, den Körper zu kontrollieren.
Sondern vielmehr darum, ihn langsam lesen zu lernen.
Wann wird mein Atem flacher?
Wann spannt mein Körper an?
Welche Situationen ziehen mich immer wieder in Stress?
Und vor allem:
Wo entsteht vielleicht ein kleines Gefühl von Orientierung?
Ein minimal tieferer Atemzug?
Ein Moment von mehr Weichheit, Kontakt oder Sicherheit?
Oft sind genau diese kleinen Empfindungen der Anfang.
Denn Nervensysteme verändern sich selten durch Druck oder Selbstoptimierung.
Sondern eher dadurch, dass sichere Erfahrungen immer wieder erlebt werden dürfen.
Kleine Momente, die dem Körper langsam zeigen:
Hier muss ich nicht dauerhaft im Alarmzustand bleiben.
Regulation bedeutet dabei nicht unbedingt völlige Ruhe
Manchmal beginnt sie viel kleiner.
In einem kurzen Aufatmen.
Im routinierten Kaffee am Morgen.
In dem Impuls, sich anzulehnen.
In einem Moment von Verbindung.
Wenn wir lernen, diesen kleinen sicheren Empfindungen oder Impulsen mehr Aufmerksamkeit zu geben, können daraus mit der Zeit neue Erfahrungen entstehen.
Nicht erzwungen. Nicht perfekt.
Sondern langsam gewachsen. Kontinuierlich.
Und genau dort beginnt für viele Menschen ein anderer Umgang mit sich selbst, den Anteilen, die immer durchziehen, ihrem Nervensystem.



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