
Kopf oder Bauch?Ambivalenz verstehen & innere Anteile kennenlernen
- mjedowski
- vor 7 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Kopf oder Bauch? – Ambivalenz verstehen und innere Anteile kennenlernen
Manchmal sagt der Kopf Ja – und der Bauch Nein.
Oder umgekehrt.
Und manchmal sind es gar nicht nur zwei Stimmen, sondern mehrere innere Impulse, die gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen ziehen.
Für viele Menschen kann sich das belastend oder verwirrend anfühlen. Vielleicht denkst du: „Warum kann ich mich nicht einfach entscheiden?“ oder „Ich fühle mich so zerrissen.“
Diese innere Zerrissenheit entsteht nicht, weil etwas mit dir „nicht stimmt“. Sie entsteht oft dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Schutzstrategien gleichzeitig wirksam sind.
Warum wir innere Gegensätze haben
Ein Teil in dir möchte Nähe und Verbindung.
Ein anderer Teil braucht Sicherheit und zieht sich lieber zurück.
Ein Teil möchte etwas Neues ausprobieren, während ein anderer Teil aufpasst, dass du nicht überfordert wirst.
Alle diese Impulse sind berechtigt – sie haben sich entwickelt, um dich zu schützen und durch schwierige Situationen zu navigieren oder schlicht um Bedürfnisse zu erfüllen.
In der IFS-Perspektive (Inner Family System) nennen wir diese unterschiedlichen Impulse „Anteile“.
Du musst sie nicht alle verstehen oder sofort steuern. Es reicht, sie wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und ihnen Raum zu geben, ohne dass eine Stimme alles bestimmt.
Warum Anteile manchmal überraschend reagieren
Vielleicht kennst du das: Ein Teil in dir reagiert stark – mit Angst, Zögern oder Zurückhaltung – obwohl dein Verstand sagt: „Eigentlich ist doch alles sicher.“
Das kann irritierend sein, ist aber aus traumainformierter Perspektive sehr nachvollziehbar.
Viele innere Anteile haben sich früher entwickelt, um dich in schwierigen Situationen zu schützen. Damals gab es gute Gründe, warum Vorsicht, Distanz oder Rückzug überlebenswichtig waren – selbst wenn es jetzt, im Alltag, keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Und hier wird es dann meist schwierig: wenn die alte Strategie nicht mehr zur aktuellen Herausforderung passt und unser automatisierter Schutzmodus bspw. noch mehr Trennung statt Verbindung erzeugt.
Diese Schutzstrategien können aktiviert bleiben/wieder ausgelöst werden, auch wenn die äußere Situation längst ungefährlich ist.
Dein System „merkt“ sich: Sicherheit zuerst. Und dein gesamtes System geht in die Autopilotin über. Spannung hoch - echte Beziehung kaum möglich.
Wenn wir das verstehen, können wir die unterschiedlichen Impulse nicht mehr als falsch oder störend bewerten.
Stattdessen können wir sagen:
„Ah, dieser Teil will mich schützen – auch wenn ich kognitiv gerade keine Gefahr sehe.“
Dieses Wissen ist ein erster Schritt, um mit den Anteilen sanft in Beziehung zu treten und mehr Selbstverbindung aufzubauen.
Gleichzeitigkeit als Rückenlehne
Oft erleben wir innere Impulse als Widerspruch: Kopf oder Bauch.
Doch meistens geht es nicht um „entweder–oder“, sondern um so – und gleichzeitig auch anders:
Ein Teil möchte das – und gleichzeitig ist da ein Teil, der sich unsicher fühlt.
Ein Teil sehnt sich nach Verbindung – und gleichzeitig spürt ein anderer Teil die Angst vor Nähe.
Wenn wir das als Gleichzeitigkeit sehen, anstatt zu denken, wir müssten sofort eine Entscheidung treffen, können wir beginnen, mit uns selbst freundlicher und verständnisvoller umzugehen.
Selbstmitgefühl entwickeln
Diese Art der Wahrnehmung kann hilfreich sein:
Vielleicht erkennst du, dass die unterschiedlichen Impulse nicht deine Schwäche sind, sondern deine innere Landkarte und alle Konturen sind aus einem guten Grund entstanden.
Oder vielleicht wird es dadurch leichter, dich selbst ernst zu nehmen, statt dich für Widersprüchlichkeit zu kritisieren.
Vielleicht kannst du auch langsam eine Verbindung zu deinem inneren Selbst herstellen, das alle Anteile einschließt und so wieder mehr mit dir in Verbindung sein.
Ein kleiner Impuls für den Alltag
Wenn du magst, kannst du einmal beobachten:
„Welche Impulse spüre ich gerade?“
„Wie erlebe ich das körperlich?“
„Gibt es einen Teil, der vorsichtig ist? Einen Teil, der neugierig ist?“
Nur das Wahrnehmen alleine kann entlastend wirken und ist ein erster Schritt, um deine inneren Anteile kennenzulernen – bevor es darum geht, Entscheidungen zu treffen.



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