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Mit Anteilen arbeiten - wie das Nervensystem & Schutzmechanismen zusammenhängen

Aktualisiert: 13. März



Viele Menschen, die sich mit inneren Anteilen beschäftigen, fragen sich, ob das bedeutet, dass mit ihnen „etwas nicht stimmt“.


Gerade wenn Begriffe wie innere Anteile, innere Stimmen oder innere Konflikte auftauchen, entsteht manchmal die Sorge, dass solche Prozesse mit psychischen Störungen zusammenhängen könnten.


Diese Sorge ist sehr verständlich.


Gleichzeitig bedeutet das Erleben verschiedener innerer Prozesse nicht automatisch eine psychische Störung und es ist wichtig hier zu differenzieren.



Was Anteilearbeit bedeutet


In meiner Körperarbeit beziehe ich mich unter anderem auf das Modell des Internal Family Systems (IFS) von Richard C. Schwartz.


Der Grundgedanke der Anteilearbeit ist, dass Menschen nicht aus einem einzigen inneren Zustand bestehen, sondern aus verschiedenen inneren Perspektiven, Bedürfnissen und Schutzbewegungen, die gleichzeitig aktiv sein können.


IFS geht dabei von einem Menschenbild aus, in dem innere Vielfalt als ein normaler und sinnvoller Teil psychischer und emotionaler Prozesse verstanden wird. Innere Anteile werden dabei nicht als Symptome oder Störungen betrachtet, sondern als adaptive Reaktionen auf Erfahrungen und Lebenssituationen, in denen sie eine schützende oder regulierende Funktion übernommen haben.


Auch andere wissenschaftlich fundierte, psychotherapeutische und traumainformierte Ansätze arbeiten mit ähnlichen Grundannahmen. Besonders in der körperorientierten Traumatherapie wird davon ausgegangen, dass sich Schutz- und Bewältigungsstrategien auch auf körperlicher und nervensystemischer Ebene verankern können. Diese Strategien haben sich meist in Situationen entwickelt, in denen Sicherheit, Orientierung oder Handlungsfähigkeit aufrechterhalten werden mussten.


Ein wichtiger Aspekt in der traumasensiblen Körperarbeit ist daher, nicht gegen diese Schutzmechanismen zu arbeiten, sondern sie als sinnvolle Anpassungen zu verstehen. Ziel ist es nicht, innere Anteile zu kontrollieren oder zu „überwinden“, sondern einen sicheren inneren Raum zu schaffen, in dem sie wahrgenommen und verstanden werden können.


Dabei spielt der Zustand des Nervensystems eine zentrale Rolle. Aus einem möglichst stabilen und regulierten Zustand heraus lassen sich innere Dynamiken, Körperreaktionen und emotionale Signale oft klarer wahrnehmen. Gerade bei Traumafolgen kann es wichtig sein, die eigene innere Vielstimmigkeit in kleinen, gut haltbaren Schritten zu erkunden, ohne das System zu überfordern.


Somatische Anteilearbeit bedeutet daher, die Verbindung zwischen inneren Anteilen, Körperempfindungen und emotionalen Reaktionen zu berücksichtigen. Es geht darum, in Beziehung zu bleiben – sowohl zu den Anteilen, die Sicherheit suchen, als auch zu den Anteilen, die sich oft nach Veränderung, Ausdruck oder Verbindung sehnen.


Es geht nicht nur um das Verstehen innerer Dynamiken, sondern auch darum, wieder mehr Sicherheit im eigenen Körper und im Nervensystem zu entwickeln, um aus diesem stabileren Zustand heraus mehr Orientierung, Selbstkontakt und Handlungsfähigkeit zu gewinnen.



Nervensystem, Körper und Stressreaktionen


Innere Anteile zeigen sich häufig nicht nur über Gedanken oder Gefühle, sondern auch über das Nervensystem und den Körper.


Wenn das Nervensystem Stress oder Unsicherheit wahrnimmt, können sich Schutzreaktionen zeigen, zum Beispiel:


• schnellere oder kreisende Gedanken


• stärkere, kaum spürbare oder wechselnde Gefühle


• innere Unruhe oder Anspannung


• Rückzug oder starke Kontrolle


• das Gefühl, innerlich getrieben oder blockiert zu sein


Diese Reaktionen sind häufig Versuche, Sicherheit herzustellen, die in anderen (früheren) Situationen notwendig und meist auch effektiv waren.

Daher ist für mich die Einbeziehung des Körpers eine wichtige Grundlage in der Arbeit mit inneren Systemen.





Alltagsperspektive auf Anteilearbeit



Viele innere Prozesse sind ursprünglich keine Probleme, sondern Versuche, mit Erfahrung, Stress oder Unsicherheit umzugehen. Zugleich sind genau diese Versuche im Heute häufig sehr herausfordernd, sobald die Strategie nicht mehr zur aktuellen Situation passt.


Hier ein sehr vereinfachtes Beispiel:

Für Greta war es mal nötig sich zurückzuziehen, wenn große Trauer oder Wut aufkam. Vielleicht weil zu dieser Zeit niemand da war, der in Kontakt mit ihr und diesen starken Gefühlen hätte bleiben können oder sogar beschämend oder anders bedrohlich gehandelt hätte. Was also in diesem Fall für Gretas System funktional war: war der Rückzug.


Heute gibt es in ihr vielleicht wieder den Anflug eines traurigen oder wütenden Gefühls und der Anteil der früher den Schutz über Rückzug hergestellt hat, reagiert sofort und automatisiert. Denn diese Überlebensreaktionen des Nervensystems laufen autonom. Oft passiert dies auch häufig noch, selbst wenn Greta mitlerweile gar nicht mehr in dieser akut bedrohlichen Situation ist und vielleicht ein wohlwollendes Gegenüber hat. Dann wünscht sich ein Teil in ihr sogar oft Nähe, aber es scheint ihr kaum möglich, denn sie geht sofort in den Rückzug.


In dieser Dissonanz entsteht meist: ein Gefühl von Ohnmacht. Du siehst kognitiv keine akute Bedrohung, aber dein Nervensystem reagiert dennoch mit Schutz (in diesem Fall Rückzug). Und am Ende fühlst du dich vielleicht erschöpft und verlassen.


Dieser schnellen und reaktiven Eigenschaft des Nervensystems haben wir als Menschen einiges an Überlebensfähigkeit zu verdanken. Und dennoch kann es zu großen Herausforderungen im Alltag führen, wenn innere Anteile und mit Ihnen das Nervensystem weiter in Stressreaktionen bleiben.



Für mich bedeutet das vor allem, sich selbst mit mehr Verständnis und weniger Bewertung zu begegnen. Und mit den Anteilen eine sichere Bindungserfahrung zu machen, wieder mehr in Beziehung zu kommen und darüber auch in die Selbstwirksamkeit.



 
 
 

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